Leadership Excellence vs. Dramadreiecke

Besonders für Entscheider und Führungskräfte birgt das Thema „ Dramadreiecke “ ein außerordentlich hohes Potenzial zur Verbesserung der Teamperformance und zur Lösung von Konflikten.
Dramadreiecke beschreiben Beziehungsmuster zwischen mindestens zwei Personen, die darin folgende drei Rollen einnehmen können: Verfolger, Opfer und Retter.
Zwischen den Playern wirken Verhaltensstrategien und implizite Regeln aus der unbewussten Rollenerwartung heraus, die vom jeweiligen Vertreter durch die Wahl seiner Rolle unwillkürlich und gleichzeitig klar erkennbar befolgt werden.
Vermeintliche Freunde und Feinde
Die Beteiligten übernehmen ihre Drehbücher aus einem regelrechten „Sog“ des systemischen Musters heraus. Sie spielen ihre Rollen meisterhaft und erhalten das unheilvolle Spiel wie ein Perpetuum Mobile aufrecht, manchmal bis zur totalen Eskalation. Auch in Medien und Politik werden solche Inszenierungen - für jeden aufmerksamen Betrachter verifizierbar - gerne zur „Meinungsbildung“ genutzt, indem absichtsvoll Freund- und Feindbilder kreiert werden. So geschieht das in der Regel, ohne dass diese subtilen Manipulationen den Zusehern bewusst werden. Das Verhängnisvolle an solchen Kammerspielen ist, dass die Rollen stets durch gegenseitige Abwertungen der Beteiligten bestimmt werden. Rollenmuster aus Dramadreiecken paaren sich und konkurrieren gleichzeitig mit persönlichen Mustern der Beteiligten, was innere Konflikte und negative Emotionen hervorruft.
Was zuerst – Henne oder Ei?
In einem Dramadreieck gibt es meist keinen klar zu identifizierenden Einstieg und oft kein vor vorneherein feststehendes Ende. Eingenommene Positionen können innerhalb von Sekunden wechseln. So können Verfolger oder Retter plötzlich zu Opfern werden und umgekehrt.
Auch Eltern können von ihren Kindern leicht gegeneinander ausgespielt werden. Wenn zum Beispiel der Papa (Verfolger) dem Sohn (Opfer) Fernsehverbot wg. ungezogenem Verhalten erteilt, und die Mama gegenüber dem schluchzenden Kind die Entscheidung als „zu hart“ wieder aufhebt und so zum liebenswerten Retter mutiert. Kinder sind sensitiv und bekommen schnell mit, wie das Spiel funktioniert. Am Ende streiten sich nicht selten Mama und Papa und springen zwischen den Rollen munter hin und her, während der unschuldig dreinschauende Spross der innerlich lachende Dritte ist. Hier kann man den Kindern, die sich lediglich systemisch klug die Unbewusstheit ihrer Eltern zu Nutze machen, keinen Vorwurf machen. Es gilt, solche Spielchen zu erkennen und zu beenden, indem beispielsweise Eltern gegenüber ihren Kindern eine liebevoll klare und vor allem einhellige Meinung vertreten.
Emotionale Rollengeflechte in Unternehmen
Das exakt gleiche Muster erleben Führungskräfte in Teams oder Projektgruppen, wenn zum Beispiel Hierarchieebenen gegeneinander ausgespielt werden und/oder sich verschiedene Interessensgruppen bilden. Bei solch verworrenen dysfunktionalen Beziehungsgeflechten, die in Unternehmen und Familien weitreichende negative Folgen haben können, handelt es sich um unreife Verhaltensstrategien, die den Beteiligten nicht bewusst sind und sich dadurch munter fortsetzen.
Meistens sind die drei Rollen auf drei Personen verteilt. Doch auch zwei Personen können die drei Rollen abwechselnd miteinander spielen. Dramadreiecke lassen sich sogar sehr gut allein spielen, indem einzelne Persönlichkeitsaspekte des sogenannten „inneren Parlaments“ abwechselnd in diese drei Rollen schlüpfen. Viele Menschen kennen solche inneren Dialoge der persönlichen „Engelchen“ und „Teufelchen“ auf ihren Schultern.
Verfolger
In der Rollenverteilung ist zu beobachten, dass Verfolger-Rollen häufig von Personen präferiert werden, die von Unzufriedenheit, Ärger und Ungeduld getrieben sind und dazu neigen, andere Menschen klein zu machen. Verfolger neigen dazu, übermäßig zu kritisieren, zu bestrafen und manchmal gar ernsthaft zu verletzen. Das bevorzugte Verfolger-Verhalten ist Kritik, Herabsetzung, Anklage und Verurteilung. Dadurch können sie sich selbst erhöhen und Anerkennung abschöpfen, während sie positive Absichten vorgeben, wie Zielerreichung, Fehlervermeidung, Weiterentwicklung, Gefahrenabwehr. Die eingesetzten Mittel im zwischenmenschlichen Umgang sind jedoch nicht weise gewählt. Auf Zielpersonen wird rumgehackt und ihnen zugesetzt, was aus der transaktionalen Grundhaltung „Ich bin ok - Du bist nicht ok“ resultiert. Das eigentliche Grundbedürfnis nach Nähe und geliebt Sein wird durch dieses Verhalten natürlich nicht befriedigt, was die innere Ärgerlichkeit weiter verstärkt und den destruktiven Zyklus am Leben erhält.
Opfer
Opfer-Rollen werden von Menschen automatisch eingenommen, die sich unbewusst für einen Zustand der Hilflosigkeit und vermeintlichen Ablehnung durch andere entschieden haben. Meist resultiert es aus einem fundamentalen Selbstwert-Mangel verbunden mit Ängsten und Melancholie. Dem Umfeld angeboten werden neben offensichtlicher Hilflosigkeit auch Verhaltensweisen scheinbarer Schüchternheit, Kindlichkeit, vermeintlicher Unwissenheit und unbeholfener Tollpatschigkeit. Sekundärgewinne des Opfers liegen darin begründet, a) Aufmerksamkeit der Umwelt durch Mitleid zu erhalten und b) in der persönlichen Komfortzone verharren zu können, indem eigene Probleme nicht angegangen werden brauchen („können“). Diese werden ja von Rettern aus dem Weg geräumt. Die hierfür verantwortliche Grundhaltung lautet in der Regel: „Ich bin nicht ok - Du bist ok“. Opfer haben meist plausible Erklärungen zu bieten, warum sie gar nicht anders sein können (schlimme Kindheit, böser Chef, rücksichtlose Kollegen, die Gesellschaft, die Gesundheit, das Leben im Allgemeinen). Doch Vorsicht vor schneller Verurteilung: Jede Prägung hat ihre eigene Leidensgeschichte.
Festzustellen ist jedoch, dass Opfer sich selbst und ihre Fähigkeiten abwerten und kaum Verantwortung für die Entstehung auch nicht für die mögliche Lösung ihrer Dilemmata übernehmen. Eine unbewusste Drama-Abhängigkeit ist geboren, obwohl das Opfer darauf angesprochen vorgeben wird, aus seinem Dilemma doch herauszuwollen und „alles schon versucht zu haben“. Deshalb geht es für einen sinnvollen Umgang mit Opfer-Persönlichkeiten in erster Linie darum, ihre destruktiven Verhaltensmuster verständnisvoll und behutsam zu enttarnen und sie dabei gleichzeitig unmissverständlich in ihre Eigenverantwortung, in Sinn und Stärke zu führen. Dazu müssen die meisten „Opfer“ lernen, gegenüber ihren Verfolgern wie auch Rettern „Stopp“ zu sagen, sich ihrer Potenziale bewusst zu werden, um sich aus eigener Kraft zu befreien.
Retter
Um es voranzustellen: die Bereitschaft für andere da zu sein und helfen zu wollen, ist eine wunderbare menschliche Grundhaltung, die nicht in Frage gestellt wird. Gleichwohl gilt es im Geiste des hier beleuchteten Themas im Einzelfall genauer für sich zu reflektieren, was die tatsächlichen Treiber des jeweiligen Verhaltens sind.
Sich berufen fühlende „Retter“ gaukeln ihren identifizierten Opfern eine gewisse Allwissenheit, Befreiungsmacht, Sicherheit, Erlösung und Trost vor. Dabei verhalten Sie sich meist übergriffig, die Zielperson kontrollierend und stülpen in ihrem gutgemeinten Helfersyndrom (wobei das Bestreben „helfen zu wollen“ ja grundsätzlich positiv ist) den scheinbaren Opfern ungefragt Mitleid, Sorgenbewusstsein, Defizitorientierung und eigene Lösungswege über. Dadurch wird der Opferzustand weiter manifestiert.
Die damit einhergehende Grundhaltung lautet: „Ich bin ok – Du bist nicht ok“. Unbewusst kommt es hier zur Abwertung des Opfers, das sich vermeintlich nicht selbst helfen kann. Es muss vielmehr vom strahlenden Held in goldener Rüstung (der sich dadurch erhöht) vor der bösen Welt gerettet werden. Interessant ist nämlich, dass in Wahrheit hier ein Selbstwert-Thema des Retters zugrunde liegt. Denn mangelnder Selbstwert des Retters dazu führt, auch kein wirkliches Vertrauen in die Lösungsfähigkeit des „Opfers“ zu haben („Ich bin nicht ok – Du bist auch nicht ok“). Ein Retter, der aus Drama-Dreiecken gerne aussteigen möchte, sollte anlassbezogen für sich reflektieren, aus welchem Grund er genau zu Hilfe eilt.
Unheilvolles Geben und Nehmen
Jeder Mensch mit Retter-Syndrom braucht zwingend Opfer, um seinen inneren Mangel befriedigen zu können. So wie auch jeder Mensch mit Opfer-Syndrom den Retter braucht, um seine Welt der scheinbaren Unselbständigkeit und dadurch erkauften Aufmerksamkeit erhalten zu können. Beide werden diesen Zusammenhang entrüstet von sich weisen. Nichtsdestotrotz suchen und finden diese aus Mangel resultierenden inneren Bedürfnisse sich wie zwei Magnete. Sie beschenken sich gegenseitig und erhalten den Teufelskreis unausgesprochen in perfekter Weise aufrecht. So ziehen alle Beteiligten persönliche emotionale Sekundärgewinne aus diesen Dramadreiecken, weshalb sie sich auch niemals von selbst auflösen.
Da Dramadreieck-Konstellationen selbstredend die konstruktive Weiterentwicklung von Beziehungen und einer inhaltlichen Zielerreichung massiv behindern, sind sie gerade im Business so gefährlich für Teams und deren Fortschritt. In unerkannten Dramadreiecken wird die Energie an den falschen Stellen für unsinnige Hamsterräder und Disharmonien vergeudet und hinterlässt stets verbrannte Erde.
Was Sie tun können
Beobachten Sie ab heute in Ihrem Umfeld und in Ihren Teams, wo sich Dramadreiecke zeigen. Wo sind Sie vielleicht selbst unbewusst Mitspieler destruktiver Allianzen? Wo tragen Sie eventuell ungewollt dazu bei, Feindbilder zu erhalten und wo nehmen Sie ehrlicherweise die Rolle eines Retters, Opfers oder Verfolgers ein?
Falls Sie solche Konstellationen und vielleicht auch Ihren persönlichen Anteil daran erkennen, ärgern Sie sich nicht zu sehr über sich selbst und verurteilen Sie auch die weiteren Beteiligten nicht. Es handelt sich um zutiefst menschliches Verhalten, das in der Regel nicht bewusst gewollt ist, sondern allen Betroffenen Leidensdruck und negative Gefühle beschert.
Hand auf’s Herz: wann nehmen wir im Alltag schon mal eine solch professionelle Adlerperspektive auf unser Alltagsgeschehen ein? Sorgen Sie einfach in einer konstruktiven und verständnisvollen Grundhaltung von „Ich bin ok – Du bist auch ok“ dafür, dass diese Mechanismen den Beteiligten klar werden und sie sich - vielleicht auch mit professioneller externer Hilfe - daraus befreien lernen.

Leadership Excellence and no more drama, baby!
Achten Sie darauf, in diesem Prozess weder zum „Retter“ noch zum „Verfolger“ zu werden, bzw. lehnen Sie derartige Rollenangebote klar ab. Falls es dennoch einmal passieren sollte, seien Sie kein „Opfer“ und klären Sie die Situation souverän und geduldig.
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(Artikel veröffentlicht im MDL-Magazin)











